Radlager erneuern

Tjaja, Radlager wechseln beim Vito W639. Laut Mercedes soll man das nicht machen. Man soll bitteschön eine komplette “Schwenklager”-Einheit für schlappe 850,- Tacken kaufen… das ist dann der Achsschenkel komplett mit fertig verpresster Nabe und Lager.

Hallo, Mercedes? Nachhaltigkeit?

Das finde ich schon eine unglaubliche Frechheit/Sauerei. Jahrzehntelang wurden Naben und Lager so gebaut, dass man sie einzeln erneuern kann, dann machen die so einen unmotivierten Bockmist. Ich hab beim Vertragshändler nachgefragt: es gibt eine Arbeitsanweisung, das Lager nicht auszutauschen. Warum, konnte oder wollte man mir nicht sagen.

Komisch ist nur, dass es im Zubehör einzelne Lager gibt. Beim 2WD (Hecktriebler) ist das vordere Lager allerdings eine Einheit aus Lager und Nabe; das hintere gibt es aber einzeln. Beim 4WD ist das Lager vorne und hinten gleich. Und nichtmal teuer: es hat mich 35,-€ gekostet (Hersteller FAG, also kein Glump), z.B. hier.
Der Mercedes-Lagerist hat das Lager einzeln nicht auf der Bildtafel im EPC gefunden; skurilerweise ist es aber bei mb-teilekatalog.info zu finden. Ich habe dem Lagerist die Nummer von dort gegeben, und siehe da, man bekommt das Lager auch bei Mercedes für ca. 60,-

Alles sehr komisch also. Die gute Nachricht ist aber: der Wechsel mit üblichem Werkzeug geht – zumindest hinten bzw. beim Allrad-Vito vorne und hinten. Es ist nur eine ziemliche Plackerei, vor allem, weil die Herren und Damen Inschenöre bei Mercedes Bedarf gesehen haben, den klassischen Seegerring durch ein grauenvolles Einwegteil zu ersetzen, dass sich in eine Nut im Lagersitz spreizt – und zwar so, dass man fieseln und fluchen muss, um diesen Scheissdreck rauszukriegen. Dazu später mehr.

Beim Hecktriebler die vorderen Lager zu wechseln geht wohl nur mit dem Spezial-Abzieher von Klann, der aber so um die 1.800€ kostet.

Was braucht man?

Zughammer

Zughammer an der Nabe

Ein Zughammer (im Volksmund “Wichser” genannt) mit Nabenflansch ist sehr praktisch, um die Nabe aus dem alten Lager zu kriegen.

In den gängigen Lagerabziehen-Sätzen sind auch Druckschrauben, die man durch die Radschraubengewinde dreht und die sich am Achsschenkel abstützen. Find ich fragwürdig, könnte aber gehen.

Lagerabzieher-Satz

Beim Lagerabzieher hohl ich ein bisserl weiter aus: die nötigen Kräfte für die Vito-Lager sind schon größer als bei PKWs. Das Vito-Lager hat 92mm Außendurchmesser, die meisten Abziehersets hören aber bei 85mm auf. Ich habe im ganzen Internet nur einen Satz gefunden, der eine Glocke mit 92mm Innendurchmesser hat: der BGS-Satz 67301. Leider enthält dieser Satz eine minderwertige Zugspindel: sie hat kein Feingewinde, ist eher rauh und hat eine blöde 38mm Schlüsselweite. Da kann man sich nur für den Zweck einen 3/4″ Ratschensatz kaufen…

Ich hab schon seit ein paar Jahren einen Abzieher-Satz von Condor-Werkzeuge, den es aber leider offensichtlich nicht mehr gibt. Der hat jedenfalls eine Spindel mit Feingewinde, 32er Schlüsselweite und ist insgesamt sauber gearbeitet. Leider hat die größte Glocke nur 85mm oder so.

Die Kombination aus dem BGS-Satz mit der Spindel aus dem Condor-Satz hat bei mir jedenfalls funktioniert. Die Kräfte sind wie gesagt riesig, mit der grattligen Spindel aus dem BGS-Satz habe ich’s gar nicht erst probiert.

Der Condor-Abziehersatz. Sollte so oder ähnlich noch im Internet zu finden sein.

Die Spindel des Condor-Satzes (oben) im Vergleich zur Spindel des BGS-Satzes (unten)

Außerdem braucht man

  • 41er Stecknuss für die Achsmutter (leider 3/4″)
  • 21er Ringschlüssel und Stecknuss,
  • Getriebe- oder MOS2-Öl für die Spindel
  • Lötlampe (ich hab so eine Einwegkartusche mit Brenneraufsatz aus dem Baumarkt)
  • Kältespray oder Tiefkühltruhe sind sehr hilfreich
  • Drehmomentschlüssel bis 160Nm
  • evtl. eine Sturzwaage, falls der Traggelenkbolzen nicht raus will und man oben aufmachen muss
  • Meißel oder Lagertrenner
  • Zweiarm-Abzieher

Radlager wechseln

Dieser Text beschreibt, wie ich das Lager an der Vorderachse eines Vito 4×4 gewechselt habe. Da die Lager beim 4×4 vorne und hinten gleich sind, gehe ich davon aus, dass es sinngemäß an der Hinterachse (egal ob 4×4 oder 2×4) genauso funktioniert.

Los geht’s

  • Als erstes das neue Lager in die Tiefkühltruhe legen – das erleichtert das Einziehen
  • Vor dem Aufbocken die 41er Mutter der Antriebswelle/Nabe lösen
  • aufbocken
  • Rad abnehmen
  • Bremszange abnehmen und gegen Runterfallen sichern
  • Bremsscheibe abnehmen
  • ABS Sensor an der Nabe entfernen. Das ist eine Vorsichtsmaßnahme; bleibt der Sensor drin, muss man sehr aufpassen, ihn nicht kaputt zu machen (kostet im Zubehör ca. 35,-)

Antriebswelle

Die Antriebswelle ist zu lang, um sie einfach so aus dem Achsschenkel zu bekommen. Daher muss der Achsschenkel irgendwie nach außen geschwenkt werden, oder man nimmt die Welle nach innen raus. Dazu gibt es drei Möglichkeiten:

  • Verbindung zum Traggelenk lösen
  • Verbindung zum Federbein lösen (dabei verstellt sich der Sturz; man braucht eine Sturzwaage)
  • Antriebswelle am Differential abschrauben

In meinem Fall war die Schraube, die das Traggelenk am Achsschenkel sichert, total festgerostet. Die Mutter ging auf, der Bolzen aber nicht raus. Ich hab mich für die 2. Variante entschieden, wobei Variante 3 vorzuziehen ist, wenn man keine Sturzwaage hat.

Methode 1: Traggelenk lösen

  • Mutter SW21 vom Traggelenkbolzen entfernen
  • Bolzen rausnehmen (er hat einen 16er Vielzahnkopf)
  • auf die Klemmung klopfen, die das Traggelenk festhält, bis das Traggelenk rausrutscht
  • Achsschenkel mit Federbein nach außen schwenken, bis die Antriebswelle frei ist
  • Traggelenk wieder festschrauben (provisorisch, um die Nabe rauszuschlagen)

Methode 2: Achsschenkel vom Federbein lösen

Sturzwaage an der Nabe angesetzt

  • Sturzwaage an der Nabe ansetzen und Wert notieren
  • elektrische Leitungen am Federbein ausklipsen
  • zwei Muttern SW21 am Federbein lösen
  • Achsschenkel nach außen schwenken und Antriebswelle aus der Nabe ziehen
  • Schrauben wieder einsetzen und provisorisch festziehen, damit man mit dem Schlaghammer die Nabe rausziehen kann

Methode 3: Antriebswelle am Differential abnehmen

Beim Allrad ist die vordere Antriebswelle mit 6 Torx-Schrauben E12 befestigt; man kommt mit Verlängerung gut hin, braucht aber eine schlanke Stecknuss. Meine 1/2″ Nuss war zu groß, 3/8″ hat gepasst.

Nabe abziehen

Wichser (den Zughammer mein ich) ansetzen, mit den Radschrauben befestigen und die Nabe runterklopfen – mit viel Schmackes.

Lagerinnenring von der Nabe nehmen

Nabe mit Wichser erfolgreich aus dem Lager gezogen

Im Bild rechts ist die Nabe aus dem Lager gezogen. Auf der Nabe sitzt noch der alte Innenring, der muss noch runter. Der Innenring liegt hier nicht mehr an der Bundfläche an, deshalb konnte ich gleich einen Zweiarm-Abzieher ansetzen und den Innenring runter ziehen.
Liegt der Innenring an, muss man ihn mit einem Lagertrenner oder vorsichtig mit einem Meißel ringsrum vom Bund trennen – nur soweit, dass die Arme des Zweiarmabziehers hinter den Innenring gehen. Danach den Bund auf Unebenheiten kontrollieren; falls vorhanden, vorsichtig mit der Feile glätten.

Auf dem Innenring bleibt eventuell so ein Blechkragen hängen (wie im Bild), den kann man einfach mit dem Hammer weg klopfen.

Altes Lager ausziehen

Das Lager wird wie schon beschimpft nicht mit einem Seegerring gesichert, sondern mit einem Aufspreizblechringmist, der ein bisschen nach Dornenkrone aussieht. Dieser Spreizring greift in eine Nut in der Nabe – ähnlich wie ein Seegerring, nur dass konstruktiv nicht vorgesehen ist, das Ding wieder zu entfernen.

Da der Spreizring außen am Lager angebracht ist und das Lager gerade so in die Abzieherglocke passt, kann man den Spreizring nicht einfach mit rausziehen. Die Glocke hat aber eine Fase, die groß genug ist, um Lager und Spreizring ca. 2mm rauszuziehen; dann ist der Spreizring zwar noch in der Nut, man kann ihn aber mit Stemmeisen etc. rausfriemeln.

Auszieher ansetzen

Für die, die das vielleicht zum ersten Mal machen: Die Kräfte beim Ausziehen sind riesig. Man sollte unbedingt alles tun, um das Ganze nicht unnötig zu erschweren:

  • die Spindel des Abziehers immer sauber halten; im Zweifel mit Pressluft sauber blasen
  • die Spindel vor jeder Benutzung einölen (MOS2- oder Getriebeöl)
  • beim Ansetzen des Abziehers auf möglichst genaue Zentrierung achten
  • der Abzieher muss 100%ig gerade angesetzt werden
  • erst nur von Hand vorspannen und dann die Position mit leichten Hammerklopfern korrigieren: mittig und gerade muss es sein!

Lagerabzieher angesetzt

Also:

  • Lagerauszieher ansetzen
  • falls der ABS-Sensor noch drin ist: Obacht, dass die hintere Druckscheibe nicht am Sensor hängen bleibt
  • Die Spindelmutter kräftig anziehen, bis man ein Knacken hört; das war hoffentlich das Lager, das sich ein Mü bewegt hat.
  • kommt kein Knacken, obwohl die Mutter schon brutal fest ist, kann man den Achsschenkel mit der Lötlampe erwärmen und ringsrum mit dem Hammer klopfen; in meinem Fall hat das geholfen
  • Spindelmutter soweit weiterdrehen, bis das Lager ca. 2mm gemacht hat
  • Abzieher wieder entfernen

Jetzt kann man mit Schraubenzieher, Meißel oder ähnlichem den Spreizring rausfriemeln:

Der Ring muss komplett raus, evtl. Reste könnten sich sonst zwischen Lager und Abzieherglocke verkeilen.

Jetzt den Abzieher wieder ansetzen und das Lager komplett rausziehen:

Lager ist draußen – ein gutes Gefühl. Je nach Tages/Nachtzeit jetzt ein Bier aufmachen!

Blechkragen entfernen

Innen am Achsschenkel ist ein gebördelter Blechkragen, der beim Einziehen des neuen Lagers im Weg ist und zerstört würde; den kann man vorsichtig mit Hammer und Durchschlag rausklopfen.

Der Blechring hat sich schon ein bisschen bewegt…

So sieht er ausgebaut aus

Lagersitz säubern

Jetzt den Lagersitz penibel säubern; insbesondere an der Spreizring-Nut außen sollte kein Rostrand stehen. Den kann man gut mit einem Schaber entfernen. Der Lagersitz selbst sollte aber nicht verkratzt werden.
Auch hinten am Steg, an dem das Lager später ansteht (da wo der gebördelte Blechring war) evtl. Rost entfernen. Obacht auf den ABS-Sensor…

Danach den Lagersitz ausblasen.

Neues Lager einziehen

Rein damit…

Vor dem Einziehen die passenden Druckscheiben aus dem Abziehersatz aussuchen. Auf der Innenseite muss die Scheibe so groß sein, dass sie sich am Achsschenkel abstützt, also deutlich größer als der Lagerdurchmesser von 92mm. Ich habe die 102mm Platte aus dem BGS-Satz verwendet.

Die Platte, die am Lager ansetzt, muss möglichst genau so groß wie das Lager sein. Ich habe die größte Glocke aus dem Condor-Satz verwendet, die hat den gleichen Durchmesser wie das Lager. Die Zugkraft muss über den Lageraußenring übertragen werden, sonst ist das Lager im Eimer, bevor es drin ist…

  • Achsschenkel mit der Lötlampe schön warm machen
  • das neue Lager aus der Tiefkühle holen und außen einölen
  • Lager ansetzen und einziehen

Beim Einziehen spürt man deutlich, wenn das Lager am Bund ansteht und damit ganz eingezogen ist: die nötige Kraft steigt plötzlich sehr stark an. Sichtkontrolle von hinten: Sitzt das Lager am Bund?

  • den Blechring wieder einklopfen, bis er leicht am Lager ansteht; auf Aussparung für den ABS-Sensor achten

Nabe einziehen

  • Nabe säubern und die Lagerfläche einölen
  • passende Druckscheiben aussuchen; wenn der ABS-Sensor noch drin ist, aufpassen, dass die innere Scheibe nicht zu groß ist!
  • die innere Scheibe muss sich unbedingt am Lagerinnenring abstützen
  • Spindel ansetzen und Nabe einziehen

Der Rest

Der Rest geht umgekehrt wie der Ausbau. Noch ein paar Tips:

Sturz einstellen

Falls zum Ausbau der Antriebswelle der Achsschenkel vom Federbein gelöst wurde:

Die beiden Schrauben zw. Achsschenkel und Federbein einsetzen (neue Muttern oder Schraubensicherungsmittel); die Schraube mit Exzenter kommt oben rein. Darauf achten, dass der Exzenter in seinem Bettchen sitzt und nicht auf den Blechrand drückt.

Ich habe den Sturz dann wie folgt eingestellt:

  • untere Schraube einsetzen und nur anlegen
  • obere Schraube mit Exzenter so einsetzen, dass der Exzenter nach außen zeigt
  • Mit dem Schraubenschlüssel an der oberen Schraube den Achsschenkel bis zum Anschlag gegen das Federbein drücken
  • Mutter so fest anziehen, dass der Achsschenkel in Position bleibt
  • Sturzwaage ansetzen (auf den Radflansch)
  • mit dem Exzenter den Achsschenkel so weit nach außen drücken, dass der Sturz wieder stimmt.

Anzugsdrehmomente

Quelle: Mercedes Benz Vito & Viano Workshop Manual, Brooklands Books (englisch), ISBN 978-1-78318-010-3

Achsschenkel an Federbein:
1. Anzug 150Nm
2. Lösen um 180°
3. Anzug 120Nm
4. 75° weiterdrehen

Achsmutter (Antriebswelle an Nabe):
160Nm + 60°

Traggelenkbolzen
160Nm

Bremszange an Achsschenkel
170Nm

Das Letzte

Wie immer ist alles auf dieser Seite ohne Gewähr – weil wer selber schraubt ist selber schuld.