Motorradkette einstellen – die Wahrheit

Im Handbuch der Tenere 700 steht, man soll die Kette so einstellen, dass sie sich 43-48mm unter den Kettenschutz an der Schwinge ziehen lässt. Wenn der Druchhang mehr als 55mm ist, soll man spätestens nachstellen.

Ich weiß nicht, wie groß Fertigungstoleranzen hier sind, oder woran es sonst liegen kann: es stimmt nicht. Es ist viel zu stramm.

Für meine Tenere 700 stimmen: mindestens 52mm!

Ich war skeptisch, weil die Vorgabe ist, das Motorrad bei der Messung auf den Seitenständer zu stellen. Ich habe eine härtere Feder eingebaut (weil ich so hart off-road fahre, genau); wenn das Motorrad auf dem Seitenständer steht, ist das Federbein komplett ausgefedert (spürt man, wenn man das Heck runterdrückt und wieder hochkommen lässt). Ist das Motorrad bei der Serienfeder leicht eingefedert, wenn es auf dem Seitenständer steht? Wäre eine Erklärung für die falsche Angabe, die Messung wäre aber noch ungenauer und willkürlicher…

Wie komm ich darauf?

Die Kette ist am stärksten gespannt, wenn der Abstand zwischen den beiden Zahnrädern am größten ist. Das ist der Fall, wenn Antriebsritzelachse, Schwingenlagerung und Hinterachse auf einer Linie sind. Ist die Schwinge ausgefedert, ist der Abstand am kleinsten, die Kette am wenigsten gespannt. Und damit ist diese Stellung schon mal die blödste (ungeeignetste), um die Spannung bzw. den Durchhang zu messen.

Man sollte also, zumindest wenn man (wie ich) der Werksangabe nicht traut, die Schwinge einfedern, bis die drei Punkte eine Linie bilden und dann messen. So steht das interessanterweise auch auf der Verpackung von neuen Motorradketten…

Der wunderbare Herr Riemann macht das mit einem Spanngurt, siehe folgendes Video:

Das finde ich eher anstengend, vor allem für das arme Motorrad – es geht einfacher. Man braucht aber einen dieser praktischen Heber, um das Motorrad gerade aufzubocken – genau so weit, dass das Hinterrad gerade noch am Boden steht. Dann löst man die unterste Schraube am Umlenkhebel und nimmt sie raus (SW17). Jetzt einfach das Motorrad ablassen, bis Antriebsritzel, Schwingenachse und Hinterachse auf einer Linie sind:

Gespannte, richtig gespannte Motorradkette

Man beachte den schlaffen Umlenkhebel!

Siehe da, die Kette ist straff. Jetzt einfach die Kettenspanner so einstellen, dass man die Kette in der Mitte 20-25mm hoch- und runterdrücken kann (mit den Fingern, ohne Werkzeug). So steht es auch auf der Packung der neuen Kette. Und so macht es absolut Sinn. Anzugsdrehmoment der Hinterachse sind 105Nm.

Danach den Heber wieder hochkurbeln, den Bolzen des Umlenkhebels einsetzen, Scheibe und Mutter drauf und mit 50Nm festziehen. Weiter heben, bis das Rad frei ist. Jetzt den Abstand vom Plastik-Schwingenschutz bis zur Mitte der Kette messen, wenn man die Kette nach unten drückt:

52mm

Entspannte, richtig gespannte Motorradkette

Mit der Werksangabe von 43mm macht man sich das Getriebelager kaputt, und die Kette hält auch nicht lang.

Noch Schmiertipps dazu?

Kettenspray ist Käse, man ahnt es schon (mehr dazu unten). Ryan F9 hat Kettenreinigung und Schmierung getestet und gibt eine eindeutige Empfehlung: Reinigung mit WD40, Schmierung mit Getriebeöl (z.B. 75W-90). Das steht auch so, man ahnt es schon wieder, auf der Packung der neuen DID-Kette. Wobei da zur Reinigung Kerosin empfohlen wird. Ich persönlich ahne aber, dass WD40 fast nur aus Kerosin besteht.

Egal, hier die beiden Videos – ich fand’s sehr interessant.

Warum Kettenspray Käse ist

Die Kettensprays die ich kenne sind eigentlich zäher Fett-Batz (aka Käse), der mit Lösungsmitteln flüssig gemacht wurde, damit man das Zeug versprühen kann. Schickere Varianten sind weiß, das sieht dann so schön sauber aus.

Wenn das Lösungsmittel verdampft, bleibt die klebrige Pampe übrig. Klebrig, damit man sich damit die schicken Felgen nicht verspratzt. Für die Kette ist das eher nachteilig, weil es nicht gut schmiert und der Dreck dann schön kleben bleibt. Was für ein toller Marketing-Move, dazu dann Reiniger zu verticken, mit dem man die Klebepampe wieder runterbekommt – nur um sie gleich danach wieder drauf zu sprühen. Dazu gibt es dann die Reinigungs-Apparate bei Louis, die man um die Kette wickelt und am Motorrad anbindet. Dann reinsprühen und das Rad durchdrehen. Ganz toll. Dann sei noch gesagt, dass man diesen ganzen Irrrsinn eigentlich über einem Ölabscheider machen müsste…

Ich hab noch nie Kettenreiniger verwendet, weil ich kein Kettenspray verwende. Die Kette ist immer sauber. Der ganze Fettbatz ist nie da. Wenn ich unterwegs bin, nehme ich nur Sprühöl mit (Ballistol weil biologisch abbaubar, notfalls Caramba Karacho oder sogar WD40) und sprühe die Kette morgens damit an den Stellen ein, an die ich gerade hinkomme. Bei der MuZ hat die Kette über 30tkm gehalten. Was will man mehr? Bei der Ténéré 700 habe ich nach 25tkm gewechselt, weil das Antriebsritzel nur noch 2/3Zähne hatte – die Kette war ok.

TLDR

Schmier Deine Kette mit Ballistol, Dein Geldbeutel und die Umwelt danken es Dir.